Ich kann dazu nix weiter sagen, weil ich mich nicht auskenne, aber folender Text ht mich sehr, sehr berührt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich ihn hier poste und in nem neuen Thread. Und dass ich nicht den Link gebe liegt übrigens daran dass ich will, dass sich das hier jeder duchliest
Die andere Sichtvon Ali Saihoun
Der folgende Text mag Euch einseitig und übertrieben vorkommen. Da aber momentan die Presse weltweit die jugendlichen Randalierer als unschuldige von der Gesellschaft ausgeschlossene harmlose Lämmer darstellt, bedarf es einer Gegendarstellung. Denn wenn all das erstmal wieder vorbei ist, werde ich mit meinem Vornamen Ali für ihre Taten hinhalten müssen und die weiter verschärfte Ausländerdiskriminierung ertragen müssen. Es ist nicht erst seit zwei Wochen unmöglich, sich Nachts in die Banlieues zu verirren. Auch vorher terrorisierten die selben jugendlichen Randalierer diese Stadtteile. Nun fordern sie Respekt. Ich frage mich, was sie getan haben um sich diesen Respekt zu verdienen?
Ich lebe seit einem Jahr im 18. Arrondissement in Paris, mitten in dem berühmten Stadtteil Montmartre, in dem die Karrieren von Van Gogh und Picasso ihren Anfang nahmen. Das 18. Arrondissement grenzt im Norden an Saint-Denis, ein Viertel das momentan weltweit Schlagzeilen macht. Und genau diese Schlagzeilen machen mich wütend. Es wird über „jugendliche Randalierer“ berichtet, die von der Mehrheit ausgeschlossen seien und nun ihre Wut über eine rassistische und arrogante Gesellschaft entladen die es nicht besser verdient hätte. Und hier beginnt mein Wut. An dieser Stelle wäre mein Name von Bedeutung: Ich heiße Ali mit Vornamen. Und wer mich kennt würde mich schwer als Rassisten abstempeln können. Ich bin in Deutschland groß geworden und fühle mich ohne Einschränkung in Europa zuhause.
Was glauben die Journalisten und die Leser ihrer Artikel, was diese „jugendlichen Randalierer“ vor eineinhalb Tagen den ganzen Tag getrieben haben? Waren sie vor 12 Tagen brave nette Jungs von nebenan, die alten Frauen die Einkaufstüten nach Hause getragen haben bevor sie heim gingen und sich wieder ihren Hausaufgaben widmeten? Ganz sicher nicht, diese „jugendlichen Randalierer“ sind die Jungs, wegen derer man sich Nachts nicht in die Banlieu nicht verirren sollte. Es sind die selben Jungs, wegen derer kein Lehrer an den Schulen der Vororte arbeiten möchte. Würde einer der Journalisten sich die Mühe geben und sie Fragen: „Wer von euch hier, der Anti-Sarkozy Parolen von sich gibt, hat einen Schulabschluss?“, wären sie überrascht, dass keiner die Hand heben wird.
Die „jugendlichen Randalierer“ möchten von der Gesellschaft respektiert werden und verlangen Chancengleichheit. Ich frage mich, was sie getan haben um sich diesen Respekt zu verdienen? Ich lebe mit meiner „weißen“ Freundin westlich des berühmten Boulevard Barbès, der direkt in das Department führt in dem die Unruhen begannen. Dieser Boulevard ist wie eine unsichtbare Grenze zwischen wohlhabend, unabhängig von der Hautfarbe, und zumindest ärmer, in der Regel Schwarz-Afrikaner. Als wir auf der östlichen Seite des Boulevard eine Wohnung mieten wollten, da die Mieten dort deutlich niedriger sind, hat uns eine Vermietern gewarnt: Als Weiße, gemeint war meine Lebenspartnerin, solle man nicht dorthin ziehen. Wir haben die Wohnung nicht bekommen. Es ist also nicht immer der Staat auf den gerade so geschimpft wird, der für die Trennung verantwortlich ist.
Wir, die wir uns integriert haben, leiden unter der Existenz und Verhaltensweise dieser „jugendlichen Randalierer“ quer durch Europa. Als ich mein Jura-Studium in Konstanz beginnen wollte, bekam ich offenen Rassismus bei der Suche nach einer Wohnung zur spüren. Ich bekam einfach keine Wohnung, in einem Fall verhehlte der Vermieter seine Abneigung gegen meine Hautfarbe nicht einmal. Während er meinen Deutschen Personalausweis in der Hand hielt sagte er mir ins Gesicht: „Aber Sie sind doch kein Deutscher.“ Ihr glaubt nicht, wie es sich anfühlt von Auge zu Auge, von Mensch zu Mensch gesagt zu bekommen, dass man die falsche Hautfarbe hat, ich werde es euch nicht beschreiben können. Ich war schon mal als Jugendlicher von einer Gruppe Neo-Nazis verfolgt worden. Ich weiß nicht, wie die Sache gegen diese sechs oder sieben wildgrollenden Glatzköpfe ausgegangen wäre, wäre ich damals kein 400-Meter-Läufer gewesen - wohl nicht besonders gut für mich.
Es war der Deutsche Staat der mir dann ein Platz im Studentenwohnheim gab und sich um meine Hautfarbe nicht kümmerte. Es war der Deutsche Staat, der mir ein Studienplatz an der Universität gab, weil - und das ist der entscheidende Punkt - ich die Voraussetzungen, in diesem Fall das Abitur, erfüllte. Es war die Stadt Owen/Teck bei Stuttgart, die uns in einer Strasse nur mit Deutschen Nachbarn eine Wohnung vermietete, aber es waren auch meine Eltern die hart schufteten um die Miete zu bezahlen, es aber nicht versäumten ihre beiden Kinder nicht bevor sie ihre Hausaufgaben gemacht hatten zum Spielen aus dem Haus zu lassen.
Häufig dachte ich, wenn ich eine Ausschreibung für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität sah, und den immer hinzugefügten Zusatz las in dem auf eine Bevorzugung der Bewerbung von Behinderten und Frauen hingewiesen würde, ob man nicht auch eine Bevorzugung von ausländisch-stämmigen ebenfalls in Betracht ziehen sollte. Wenn Frau-Sein eine Art Behinderung ist, sind es dunkle Hautfarbe oder ein muslimischer Vorname allemal. Ausländische Abstammung ist keine Behinderung aber häufig eine Verhinderung.
Der Vater meines Kroatischen Freundes sagte uns häufig, wir Ausländer müssten doppelt so gut sein wie die Deutschen, damit wir die selben Chancen erhalten. Es mag eine traurige Weisheit sein, und es mag wünschenswert sein, diesen Zustand in Europa zu überwinden, aber noch gilt er.
Also noch mal an die „jugendlichen Randalierer“ aus den Banlieus: Was habt ihr getan, das euch den Respekt der Gesellschaft zusichern sollte? Was habt ihr vor dem Beginn der Randale denn so getrieben, außer Raubüberfälle, Drogenhandel, Schlägereien und das Terrorisieren der Nachbarschaft? Ich verfluche all die „jugendlichen Randalierer“, die anstatt sich mit Büchern und Schule zu beschäftigen, eher Anektoden über ihre Narben und die lange Liste ihrer Fehltage in der Schule zum besten geben.
Diese nicht von der Gesellschaft, sondern in erster Linie von ihren Eltern aufgegebene Immigranten-Nachfolge-Generation gibt es nicht nur in Kreuzberg oder in Saint-Denis. Auch wer sich nach Einbruch der Dunkelheit im Londoner Stadtteil Brixton verläuft, kommt selten wieder heil heraus, dieser Stadtteil ist überwiegend von Schwarzen bewohnt. Das zu sagen ist kein Rassismus. Rassismus wäre, wenn ich sagte, die Schwarzen in Brixton seien so kriminell, weil sie Gene zur Kriminalität in sich trügen.
Ich gebe zu, die Gründe der höheren Arbeitslosigkeit und größerer Perspektivlosigkeit der Folgegenerationen der Immigranten liegt auch an der Einstellung einer vielleicht sogar Mehrheit der „Weißen“. Man parkte die Immigranten oder Gastarbeiter in den Vorstädten und richtete für sie Transportmöglichkeiten ein, damit sie die Arbeit erledigten, die die Ureinwohner Europas nicht machen wollten. Bis heute sind hier in Paris beinahe ausschließlich Schwarzafrikaner als Kloreiniger eingestellt. Und nun, wegen der zunehmenden Arbeitslosigkeit bei den Ureinwohnern, wartet man wohl bis sie wieder verschwinden oder schlicht aussterben. An der Stelle kommt die schlechte Nachricht: Diese Bevölkerungsschicht vermehrt sich deutlicher als die der Ureinwohner. Mit bloßem Auge ist hier in Montmartre zu beobachten, dass gerade schwarze und arabische Frauen häufig mit mehreren Kindern an der Hand ihren täglichen Einkauf erledigen, während die weißen Frauen nur von ihren Handys begleitet werden.
Die Rolle des Staates ist äußerst wichtig, gerade mein Leben ist ein perfektes Beispiel dafür. An den Stellen, an denen die deutsche Gesellschaft mich nicht wollte, sprang der deutsche Staat ein, in einem Fall sogar die Europäische Union.
Ich möchte aber an der Stelle meine eigene Leistung unterstreichen. Ich war es, der, von meinen Eltern angetrieben, nicht typischerweise in der Hauptschule landete, sondern Abitur machte. Ich bin derjenige gewesen, der sich mit Deutschen anfreundete und nicht einen ausschließlich ausländischen Freundeskreis suchte. Ich habe ein Studium begonnen und mich nicht nur in meiner „Heimat“ auf die Suche nach einer Frau gemacht.
Diese „jugendlichen Randalierer“ sind es, die Integrierten wie mir das Leben schwerer machen, und es gibt zahlreiche wie mich. Sie kennen eine lange Liste von Schuldigen an ihrem Schicksal, die aber die Namen ihrer Eltern und ihre eigenen nicht beinhaltet. Ganz oben auf der Liste steht in Frankreich der Name des Französischen Innenministers Nicolas Sarkozy, der die Brandstifter als Gesindel bezeichnet hatte. Ich bin froh, dass der Parteivorsitzende, der in Frankreich regierenden Konservativen Partei UMP solche Töne anschlägt. Denn ich habe mitbekommen wie der Wahlkampf verlief, der zu einem „Non“ zur Europäischen Verfassung führte. Auf Platz eins der Ablehnungsgründe war die Unzufriedenheit der Franzosen mit dem damaligen Premierminister, auf Platz 2 folgte ganz dicht das Verlangen vieler Franzosen nach einem Signal gegen den Beitritt der Türkei in die EU zu senden. An den Stammtischen wurde man deutlicher: „Wir haben genug Araber hier, wir brauchen nicht auch noch die Türken“, war der Tenor.
Bei den letzten Wahlen besiegte der Faschist Jean-Marie Le Pen den Kandidaten der Sozialisten im ersten Wahlgang, und zog erst im direkten Duell gegen Chirac den kürzeren. Daher bin ich froh um Sarkozy und die Töne, die er anschlägt, dadurch wird er wohl ein paar Stimmen in Richtung Front National abfangen können. Beim letzten Mal bekam Le Pen 20 Prozent der Stimmen, wer weiß wie es bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2007 laufen wird.
Daher habe ich es satt, auf die westliche Gesellschaft einzuprügeln, es wird so langsam gefährlich - siehe auch die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen in Sachsen oder den verlorenen Rückhalt der Volkparteien bei den letzten Bundestagswahlen.
Ich möchte politisch unkorrekt an uns ausländisch-stämmige Bürger in Europa appellieren. Wie viele Döner-Buden lassen sich noch in Deutschland und Frankreich eröffnen? Es wird Zeit, dass wir in Richtung anderer Berufe außer der niedrigeren tendieren und uns an die eigene Nase fassen. Warum sind Gymnasien so gut wie immigrantenfreie Zonen? Mir soll niemand erzählen, man würde bei der Einschreibung diskriminiert werden. Mir ist klar, nicht alle werden Ärzte und Anwälte werden. Aber der europäische Durchschnitt ist ein legitimes Ziel für Bewohner des blauen Kontinents mit Immigranten-Hintergrund.
Ich habe schnell bemerkt, dass in Begleitung meiner Lebenspartnerin mit dem Nachnamen Benz die Wohnungssuche hier in Paris wie in Konstanz zum Kinderspiel wurde, dennoch konnte mir an vielen Stellen nur der Staat weiterhelfen und er hat es getan, weil ich die von mir hart erarbeiteten Voraussetzungen mitbrachte. Daher ärgere ich mich so sehr über das viele Verständnis für die „jugendlichen Randalierer“, die wenig bis nichts für den von ihnen verlangten Respekt leisten und die vor dem Beginn der Unruhen keine braven und netten Jungs von nebenan waren. Die Terroranschläge von Madrid und London hinzugezählt wird die Lage für Leute wie mich immer schwieriger, weil wir immer häufiger in einen Topf mit den „jugendlichen Randalierern“ geworfen werden.
Die Presse berichtet zu einseitig und bringt ihnen meiner Meinung nach zu viel Verständnis entgegen. Und das sagt nicht einer, der ein Rassist ist, sondern einer, der sich hart, Zentimeter für Zentimeter in seinem Leben durchkämpfen musste und nun befürchtet, diesen Kampf um die Integration durch falsche und einseitige Berichterstattung zu verlieren.
via Zeitzünder-Leserblog