Im Streit um Darwins Evolutionstheorie an amerikanischen Schulen hat ein Gericht im US-Bundesstaat Pennsylvania die Vermittlung eines alternativen Konzepts verboten. Die als "Intelligent-Design" propagierte Theorie über die Entstehung des Lebens durch ein höheres Wesen habe keinen Platz im Biologie-Unterricht, lautete das Urteil.
Acht Familien hatten die Schulbehörde der Kleinstadt Dover im US-Bundesstaat Pennsylvania verklagt, die die umstrittene Theorie im vergangenen Jahr in den Lehrplan aufgenommen hatte. Nach Ansicht der klagenden Eltern würden damit religiöse Überzeugungen durch die Hintertür ins Klassenzimmer eingeschleust. Das verstoße gegen die gesetzlich verankerte Trennung von Kirche und Staat. So sah es jetzt auch das Gericht und entschied, dass es gegen die Verfassung verstoße, "Intelligent-Design" als Alternative zu Darwins Evolutionstheorie zu unterrichten.
Religiöse Beweggründe verschleiert
In dem mit Spannung erwarteten Urteil beschied Richter John Jones den Befürwortern, sie hätten die religiösen Hintergründe ihrer Kampagne verschleiert. Das Urteil ist gleichzeitig auch eine Niederlage für US-Präsident Bush, der sich mehrfach dafür ausgesprochen hat, "Intelligent Design" an Schulen zu unterrichten. Vor allem in den USA gewinnt der "Intelligent-Design"-Gedanke immer mehr Anhänger. In zahlreichen Schulbezirken tobt ein erbitterter Streit, ob die alternative Theorie in den Lehrplan aufgenommen werden soll. Einige Schulbehörden haben bereits Aufkleber für Biologiebücher bestellt, in denen die Evolutionslehre in Zweifel gezogen wird. Andere wollen die Bücher gleich komplett umschreiben.
Darwins Theorie von der Entstehung und Veränderung der Arten gilt seit rund 150 Jahren als wissenschaftlich anerkannt. Die Anhänger des "Intelligent-Design" lehnen die Evolutionslehre jedoch ab und sprechen nebulös von "intelligenter Schöpfung". Zu komplex seien die Lebewesen, als dass sie nur durch zufällige Veränderungen entstanden sein könnten. Dahinter stecke vielmehr ein durchdachter, ausgeklügelter Plan – intelligentes Design eben. Ein Argument der "Intelligent-Design"-Vertreter: Die darwinistische Evolutionstheorie biete keine befriedigende Erklärung für bestimmte Beobachtungen.
Darwin gegen Designer-Gott
Allerdings liefert die "Intelligent Design"-Theorie auch keine befriedigende Erklärungen oder gar wissenschaftliche Belege. Weder über den Plan noch über einen möglichen Designer selbst. Für Kritiker ist "Intelligent-Design" nichts anderes als reine Schöpfungslehre im modernen Gewand. Auch wenn die "Intelligent-Design"-Gemeinde penibelst darauf bedacht ist, dass der "intelligente Designer" nicht aus Versehen "Schöpfer" genannt wird. Gegner der pseudowissenschaftlichen Bewegung sprechen bereits von einem "Kreuzzug gegen die Evolutionstheorie".
Auch nach Europa schwappte die "Intelligent-Design" Welle. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat die Debatte mit einem Artikel in der "New York Times" angeheizt. Darin sprach er sich gegen eine "Ideologie des Neo-Darwinismus" aus, die die Existenz eines "intelligenten Plans" der Schöpfung ausschließe. Nach Meinung des Münchner Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf sind die Thesen des "Intelligent Design" eine Reaktion auf die Angst des Menschen vor dem rasanten Fortschritt der Technik und Wissenschaft.
"Intelligent-Design":
Charles Darwin muss mit dem Designer-Gott ringen
Während die Amtskirche der Evolutionslehre anhängt, sieht ein Kardinal das anders
An der neodarwinistischen Evolutionstheorie schien seit Jahrzehnten niemand mehr zu rütteln, auch nicht die katholische Kirche. 2004 etwa erklärte die Theologenkommission des Vatikan unter dem damaligen Vorsitzenden Kardinal Ratzinger, dass die Evolutionstheorie der Schöpfungslehre nicht widerspreche. In jüngster Zeit ist jedoch eine neue Auseinandersetzung über die Evolution entflammt. Die Diskussionen sorgten auch für Andrang in der Münchner Katholischen Akademie.
Deren Tagung "Neuer Streit um die Evolutionstheorie - Herausforderung 'Intelligent Design'" trifft offensichtlich einen Nerv. Gleich am zweiten Tag trafen der Münchner Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf und einer der deutschen Kritiker der Evolutionstheorie, Reinhard Junker, aufeinander.
Dass die rund 200 Teilnehmer die divergierenden Thesen der beiden Biologen so emotional verfolgten, hat auch mit einem Vorstoß des Wiener Kardinals Christoph Schönborn zu tun. Er hatte sich Anfang Juli in einem Gastbeitrag für die New York Times gegen eine "Ideologie des Neo-Darwinismus" gewandt, die die Existenz eines "intelligenten Plans" der Schöpfung und damit eines Schöpfers dogmatisch ausschlösse. Für den "Aufschrei in der Presse", den dies ausgelöst habe, sei er durchaus dankbar, sagte Junker mit einem kleinen Lächeln.
Dadurch nämlich seien Thesen wie die seinen wieder in der Öffentlichkeit präsent. Junker ist einer von vier hauptamtlichen Mitarbeitern der seit 30 Jahren in Baiersbronn im Nordschwarzwald ansässigen "Studiengemeinschaft Wort und Wissen", die mit ihren Informationsblättern regelmäßig etwa 7000 Menschen erreicht.
Sie inspiriert sich am US-amerikanischen Kreationismus, einer keineswegs homogenen Denkrichtung, die an vielerlei Fronten gegen die moderne Evolutionsforschung mobil macht und in der extremsten Ausprägung den biblischen Schöpfungsbericht als eine Art wissenschaftliches Dokument ansieht. Der Evolutionstheorie steht der evangelische Biologe Junker sehr kritisch gegenüber, weil sie - das belegt er gerne mit zahlreichen Beispielen - zu viele grundlegende Defizite aufweise. Wie könne man zum Beispiel erklären, dass die Gehörknöchelchen der Säugetiere mindestens zweimal unabhängig entstanden seien?
Junkers Meinung nach ist nur die Mikroevolution experimentell belegt, bei der vorhandene Merkmale stärker ausgeprägt werden - nicht aber die Makroevolution, bei der es um große Übergänge zwischen den Bauteilen gehe.Gegen die Naturwissenschaften im allgemeinen habe er nichts, betonte Junker. Im Gegenteil.
Sie lieferten willkommene "Design-Signale", also Hinweise auf die Existenz eines Schöpfers. Der Wissenschaftler verhehlte nicht, dass sein Weltbild "nicht einfach" sei: "Wir haben viele offene Fragen." Das sah auch der Biologe Reichholf so, der Junkers Thesen mit Lust widerlegte. Er warnte vor Entwicklungen wie in den USA, wo konservative Kreationisten und die Vertreter der neueren Bewegung des "intelligent design", die einen Designer-Gott als Kontrollinstanz vorsieht, sogar beim Präsidenten Gehör finden. "Man kann als Biologe nur hoffen, dass die Kirchen hier zu Lande sich davon nicht anstecken lassen und zu ihrem eigenen Schaden das finstere Mittelalter wieder heraufbeschwören."
Laut Reichholf sind die Thesen des "intelligent design" eine Reaktion auf die Angst der Menschen vor dem rasenden Fortschritt von Naturwissenschaften und Technik. Jedoch, so fragte der Wissenschaftler provokant: "Ist es nicht viel faszinierender, die Evolution auf einen Schöpfer zurückzuführen, als Gott als unvollkommenen Designer auf ein Menschlein zu reduzieren?"
Als Reaktion auf Schönborns Zeitungsartikel hatte der Direktor des Vatikanischen Observatoriums, George Coyne, dem Kardinal vorgeworfen, er verdunkele die Debatte zwischen Glauben und Wissenschaft, wenn er meine, Darwinismus sei nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar. Schönborn wies diese Interpretation seiner Aussagen zurück und bezeichnete sich selbst als Vertreter der wissenschaftlichen Freiheit. "Intelligent Design" findet seit einigen Jahren in den USA wachsende Verbreitung und neuerdings auch in Europa Anklang.
Im Unterschied zum traditionellen Kreationismus, der die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich nimmt, leugnet diese Theorie nicht, dass sich die Erde über mehr als vier Milliarden Jahre hinweg entwickelt hat. Die komplexen Strukturen der Natur deutet sie allerdings als Beleg für das Wirken einer übergeordneten Intelligenz.
Vor wenigen Wochen warb die niederländische Bildungsministerin Maria van der Hoeven für einen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Anhängern des "Intelligent Design", deren Kampagne nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) von evangelikalen Organisationen in der USA unterstützt wird. Im Haager Parlament erntete die Christdemokratin prompt massiven Widerspruch für ihren Vorstoß. Ähnliches sei bereits im vergangenen Jahr ihrer Amtskollegin in Italien widerfahren, weiß Michael Utsch von der EZW.
Im Zuge einer Schulreform wollte die italienische Bildungsministerin die Evolutionslehre bis zur achten Klasse aus dem Biologieunterricht verbannen, musste nach vehementem öffentlichen Druck ihre Pläne jedoch aufgeben.
Aufmerksam wurde registriert, dass der Schönborn-Beitrag von derselben PR-Agentur lanciert wurde, die auch dem US-amerikanischen "Discovery-Institut" beisteht. Diese Einrichtung gehört zu den Promotoren der Konzeption des "Intelligent Design". Die Schulaufsicht des US-Bundesstaates Kansas hat beschlossen, dass künftig im naturwissenschaftlichen Unterricht der öffentlichen Schulen das Konzept des "Intelligent Design" unterrichtet wird.
Die Abstimmung im "Board of Education" über den Entwurf, der Zweifel an der Evolutionstheorie zum Lern- und Prüfungsgegenstand macht, fiel mit sechs zu vier Stimmen nur knapp aus. Ihr gingen heftige und teils persönliche Angriffe innerhalb und außerhalb des Gremiums voraus. Die Regelung soll mit Beginn des Schuljahrs 2007 in Kraft treten.
Die überwiegende Mehrheit US-amerikanischer Wissenschaftler lehnt das Konzept des "Intelligent Design" ab. Deren Enttäuschung artikulierte in einer ersten Reaktion Janet Waugh, eine der vier unterlegenen Board-Mitglieder. Sie sprach von einem schwarzen Tag für Kansas, der den Staat vor den Augen der amerikanischen Nation, wenn nicht gar der Welt lächerlich mache. Franciso Ayala, ehemaliger Präsident der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS), bezeichnete die Entscheidung als Anschlag auf Wissenschaft, Bildung und die US-Verfassung.
Befürworter eines an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichteten Biologieverständnisses hoffen jetzt auf einen Gerichtsentscheid gegen die neue Regelung oder auf ein Eingreifen des Wählers. Vier der sechs Board-Mitglieder, die für die Einführung des "Intelligent Design" in den "Science"- Unterricht stimmten, stehen nächstes Jahr zur Wiederwahl an. In der Stadt Dover in Pennsylvania wurden acht Mitglieder des örtlichen Board of Education, die pro-ID waren, schon abgewählt.
Was haltet ihr davon?
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edit: Sollte diese Lehre in Deutschland unterrichtet werden?
Es gibt zwar in Deutschland nur wenig offensichtliche Anhänger, trotzdem scheinen ihre Inhalte durchaus populär zu sein. Eine Umfrage im Auftrag des Magazins "Zeit-Wissen" brachte Überraschendes zu Tage: Danach glauben fast 50 Prozent aller Deutschen, eine höhere Macht hätte die Erde und das Leben geschaffen. Jeder Dritte bestreitet, dass Affen und Menschen einen gemeinsamen Vorfahren haben.